THUN Familiengeschichte

Castel Bragher

Geschichte von Castel Bragher

„Dann aber bemerkt man, wie das wuchtige Gebäude mit seinen Türmen und dem gegen Süden schüt-zenden Gemäuer einem Felsen aufsitzt, der nach drei Seiten steil gegen tiefe Schluchten abfällt, wie man sie hier im Tal so oft und unvermutet antrifft.“ [1] Anton von Lutterotti

Abb. 1: Castel Bragher in der Nähe von Taio. Castel Pietra und Welsperg sind weitere Liegenschaften im Besitz der Familie Thun (Quelle: „Thuniana“, Privatbesitz von Peter Thun).

Abb. 1: Castel Bragher in der Nähe von Taio. Castel Pietra und Welsperg sind weitere Liegenschaften im Besitz der Familie Thun (Quelle: „Thuniana“, Privatbesitz von Peter Thun).

So beschreibt Anton von Lutterotti Castel Bragher, das neben Castel Thun das zweite wichtige Schloss in jahrhundertlangem Besitz der Familie Thun ist. Zwischen den Ortschaften Taio und Coredo gelegen, befindet es sich nur wenige Kilometer von Castel Thun, Castel S. Pietro und Castel Visione entfernt. Wie bei diesen Schlössern spielten auch bei Castel Bragher strategische Aspekte die wesentliche Rolle für die Errichtung. An der Stelle der Burg stand ursprünglich ein Bergfried, der zur Beobachtung und Kontrolle der Straße genutzt wurde. Bragherius von Coredo aus dem gleichnamigen Dorf in der Nähe des späteren Castel Bragher konnte mit Erlaubnis des Trientner Bischofs den mit Ringmauern und einer Zugbrücke umgebenen Turm in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ausbauen. [2]

Der Name „Bragher“ stammt von diesem ersten greifbaren Besitzer der ausgebauten Festung. Er bekam das Schloss als Lehen vom Bischof von Trient verliehen. [3] Es dauerte nicht lange, dann tauchte die aufstrebende Familie Thun auf: 1286 heiratete eine Enkelin des seit 1270 verstorbenen Bragherius Heinrich von Thun . Am 21. Juni 1321 kaufte Simon von Thun die Burg schlussendlich. [4] 1325 folgte die Belehnung der Thun mit Bragher durch den Bischof von Trient. Damit übernahmen sie auch die Gerichtsbarkeit über das kleine Dorf Tuenetto, den Besitz etlicher Untertanen in den Dörfern Tajo und Segno sowie einzelne Häuser in den Gemeinden der Umgebung. Entsprechende Veränderungen bzw. Zubauten auf dem Schloss ließen nicht lang auf sich warten: In den 1450er-Jahren ließ der Schlossherr Sigmund von Thun eine Kapelle errichten. Gleichzeitig gab er an den Künstler Leonhard von Brixen den Auftrag, die Kapelle mit Fresken der Passionsgeschichte zu schmücken. [5] Noch heute sind „die schönsten gotischen Fresken, die das Nonstal zu bieten hat“ [6], erhalten.

Abb. 2: Die Schlosskapelle von Bragher (Quelle: „Thuniana“, Privatbesitz von Peter Thun)

Abb. 2: Die Schlosskapelle von Bragher (Quelle: „Thuniana“, Privatbesitz von Peter Thun)

Ein wichtiges Ereignis in der Geschichte des Castels ist die Teilung der Familie Thun 1596 in drei Linien. Nach dieser Vereinbarung schlug Georg Sigmund von Thun seinen Sitz auf Castel Bragher auf. Georg Sigmund, vom Franziskanerpater Justinian Ladurner als „baulustiger“[7] Mann beschrieben, erweiterte das Schloss von 1598-1604 auf allen vier Seiten und ließ drei Türme bauen. Wie das Castel um 1600 ausgesehen hat, berichtet Marx Sittich von Wolkenstein in seiner „Landesbeschreibung von Südtirol“:

„Ain welsche meil von bemelten dorf [Taio, Anm.] gegen perg Rouen in ain klain tal ist vil zyrmholz und ain klains fischerwasserlein. Befindt sich alda das alte schloss, genant Bragier […] so lange jar die herrn von Theun obgemelt ingehabt und herrn Görg Sig. von Theun jetz gehörig und schier alles von neuen erbaut hat, hat aber kein untertan zue, aber stattliche gilten und zechent, zinsen und schöne güter von allerley trayd, und wilbret von allerley […].“ [8]

Abb. 3: Das Castel nach einer Zeichnung von Johanna Isser Großrubatscher aus der Sammlung „Tiroler Burgen“ von 1832 (Quelle: „Thuniana“, Privatbesitz von Peter Thun).

Abb. 3: Das Castel nach einer Zeichnung von Johanna Isser Großrubatscher aus der Sammlung „Tiroler Burgen“ von 1832 (Quelle: „Thuniana“, Privatbesitz von Peter Thun).

Georg Sigmund ließ auch einen Archivraum bauen. Bei der besagten Familienteilung wurde beschlossen, alle Schriften und Urkunden der (gesamten) Familie in Zukunft im Schloss Thun aufzubewahren. Er ließ aber einen großen Teil des Schriftgutes nach Bragher bringen und legte so den Grundstein für das gegenwärtige, umfangreiche Archiv. [9] Auch im 18. Jahrhundert erfuhr das Schloss eine Erweiterung: 1726 ließen der Schlossherr Josef Anton von Thun und seine Frau Margarethe Veronika das Loreto-Kirchlein erbauen. Das Ehepaar plante zuvor eine Wallfahrt nach Loreto in Italien. Da der Gesundheitszustand des in die Jahre gekommenen Josef Anton die Reise nicht zuließ, entschieden sie sich stattdessen für den Bau eines Kirchleins. [10] Acht Jahre danach – Josef Anton ist 1728 verstorben – hatte der neue Schlossherr Johann Vigil von Thun den Plan gefasst, das alte, ehrwürdige Schloss komplett abzureißen und ein neues, prächtiges Schloss im Sinne des Barock zu bauen. Der Plan kam aber nicht zur Ausführung. Stattdessen erweiterte er das Castel im Laufe des 18. Jahrhunderts um zahlreiche kleinere Bauten wie Wirtschafts- und Dienstbotengebäude. [11] Auf der später gefertigten Abbildung von Johanna Isser-Großrubatscher wird der Umfang des Schlosses (19. Jahrhundert) ersichtlich. [12] Bis heute hat er sich so erhalten, dank der Tatsache, dass das Schloss ständig bewohnt war und noch ist.

Galerie

[MS]

  1. [1] Anton von Lutterotti, Spaziergänge im Nonstal, 2. Auflage, Calliano 1995, S. 65.
  2. [2] Justinian Ladurner, Einige Nachrichten über Castel Brager, 1855. Abschrift des Manuskriptes im Besitz von Galeazzo Thun, Prag 1901, S. 4 f. „Thuniana“, Privatbesitz von Peter Thun.
  3. [3] Siehe Ausserer, Karl, Der Adel des Nonsberges, in: Jahrbuch der k. k. Heraldischen Gesellschaft „Adler“, 9. Folge, 9. Band, Wien 1899, S. 13-252, hier S. 65.
  4. [4] Siehe Ladurner (Anm. 2), S. 11 f.
  5. [5]  Siehe Gorfer, Aldo, Guida dei castelli del Trentino, Trient² 1967, S. 554.
  6. [6] Von Lutterotti (Anm. 1), S. 65.
  7. [7] Siehe Ladurner (Anm. 2), S. 33.
  8. [8] Sittich von Wolkenstein, Marx, Landesbeschreibung von Südtirol. Verfaßt um 1600, erstmal aus den Handschriften herausgegeben von einer Arbeitsgemeinschaft von Innsbrucker Historikern (Schlern-Schriften 34), Innsbruck 1936, S. 115.
  9. [9]  Siehe Ausserer (Anm. 3), S. 59. Materialien aus dem Archiv von Castel Bragher können im Landesarchiv von Trient bestellt und eingesehen werden. Freundlicher Hinweis von Georg Thun , dem Eigentümer von Castel Bragher.
  10. [10] Siehe Thun, Arbogast, Loretokirchlein zu Schloß Brughier, Bozen 1933, o. S.
  11. [11] Siehe Ladurner (Anm. 2), S. 47 f.
  12. [12]  Zu weiteren Abbildungen des Schlosses im 19. Jahrhundert siehe Castel Brughiero, entnommen aus: Perini, Agostino, I castelli del Tirolo colla storia delle relative antiche potenti famiglie, Milano 1834-1839, in: Biblioteca Comunale di Trento, Catina. Catalogo Trentino di immagini, in: [http://www.catinabib.it/?q=it/node/4886], Abrufdatum 10.11.2010 und Forni, Paul, Ludwig Neelmeyers „Erinnerungen an Süd-Tyrol“, in: ARX, Burgen und Schlösser in Bayern, Österreich und Südtirol 1 (1988), S. 348-353, hier S. 353.